Wir alle kennen die Situation: Die Verbindung beim Telefonieren ist schlecht, das Gegenüber nur undeutlich zu verstehen. Besonders schwierig wird es bei komplizierten Wörtern oder Namen. Also beginnen wir zu buchstabieren – und plötzlich kann man die Buchstaben hören, nicht mehr nur das ganze Wort.
Doch auch dabei lauern Tücken: B und D, M und N klingen sich zum Verwechseln ähnlich. Die Lösung? Ansagewörter! "Anton" für A, "Berta" für B, "Cäsar" für C. Damit nicht jeder seine eigenen Ansagewörter erfinden musste, wurden bereits kurz nach Eröffnung der ersten Telefonnetze in den 1890er-Jahren offizielle Buchstabiertafeln entwickelt.
Militärische Anfänge
Die Nachrichtenübermittler der britischen Armee begannen im späten 19. Jahrhundert, ein partielles Buchstabieralphabet zu verwenden. Dieses System, das 1898 vom Kriegsministerium in der "Signalling Instruction" festgehalten und 1904 in die "Signalling Regulations" übernommen wurde, unterschied zunächst nur die am häufigsten verwechselten Buchstaben. An der Westfront des Ersten Weltkriegs wurde es weiterentwickelt. Die Royal Air Force entwickelte schließlich ein eigenes "telephony spelling alphabet", das ab 1921 von allen drei Teilstreitkräften und der Zivilluftfahrt in Großbritannien genutzt wurde.
Von Zahlen zu Namen
Im zivilen Bereich ging man zunächst andere Wege: Das Berliner Telefonbuch von 1895 enthielt eine Buchstabiertafel, bei der jedem Buchstaben eine Zahl zugeordnet war. Das war weder intuitiv noch leicht zu merken. Bereits 1903 hatte sich deshalb die Praxis durchgesetzt, Buchstaben mit Vornamen anzusagen. Der Name Maier wurde beispielsweise buchstabiert als: Marie, Albert, Isidor, Emil, Richard.
Dunkles Kapitel: Die NS-Zeit
1934 ordnete die Reichspostverwaltung eine folgenschwere Änderung an: Die biblischen Namen David, Isidor, Jacob, Nathan, Samuel und Zacharias – als "jüdisch klingend" diffamiert
– wurden aus der offiziellen Buchstabiertafel entfernt. An ihre Stelle traten Dora, Ida, Julius, Nikolaus, Siegfried und Zeppelin. Ein bürokratischer Akt der Diskriminierung, der zeigt, wie tief die nationalsozialistische Ideologie in den Alltag eindrang.
Nach 1945 wurden einige dieser Namen wieder durch die ursprünglichen ersetzt, allerdings nicht vollständig. Erst in jüngster Zeit gab es Diskussionen über eine umfassende Rückkehr zu den historischen Namen oder eine zeitgemäße Neugestaltung der deutschen Buchstabiertafel.
Regionale Unterschiede
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten sich in den deutschsprachigen Ländern leicht unterschiedliche Varianten. Ein Beispiel: Für den Buchstaben K verwendete die Bundesrepublik
"Kaufmann", die DDR und Österreich "Konrad", während die Schweiz bis heute "Kaiser" nutzt. Auch bei anderen Buchstaben gibt es Abweichungen – jede Nation kocht ihre eigene Suppe.
Wer "Keller" buchstabieren möchte, sagt also:
- Deutschland: Kaufmann, Emil, Ludwig, Ludwig, Emil, Richard
- Österreich: Konrad, Emil, Ludwig, Ludwig, Emil, Richard
- Schweiz: Kaiser, Emil, Leopold, Leopold, Emil, Rosa
Das internationale ICAO-Alphabet
In Branchen mit grenzüberschreitender Zusammenarbeit braucht es einheitliche Standards. Im Flugverkehr, in der Seefahrt und bei der NATO wird deshalb das ICAOAlphabet verwendet – benannt nach der International Civil Aviation Organization (Internationale Zivilluftfahrtorganisation). Es wurde 1948/49 an der Universität Montreal entwickelt und ist bewusst so gestaltet, dass auch Personen, deren Muttersprache nicht Englisch ist die Wörter gut aussprechen und verstehen können.
Das ICAO-Alphabet sieht so aus: Alpha, Bravo, Charlie, Delta, Echo, Foxtrot, Golf, Hotel, India, Juliett, Kilo, Lima, Mike, November, Oscar, Papa, Quebec, Romeo, Sierra, Tango, Uniform, Victor, Whiskey, X-ray, Yankee, Zulu.
Wer international verstanden werden will, buchstabiert mit diesem Alphabet!
Ausblick: Brauchen wir das noch?
In Zeiten von Messenger-Apps, E-Mails und Spracherkennung könnte man fragen: Brauchen wir Buchstabiertafeln überhaupt noch? Die Antwort ist ein klares Ja. Ob am Telefon mit der Versicherung, beim Durchgeben der IBAN am Schalter oder in der internationalen Luftfahrt – solange Menschen miteinander sprechen, werden uns Missverständnisse begleiten. Und dann ist es gut zu wissen: Anton, Berta, Cäsar helfen weiter. Oder im Zweifelsfall: Alpha, Bravo, Charlie. ■
Further readings:
Aeronautical Telecommunications – International Standards and Recommended Practices and Procedures for Air Navigation Services, 6. Ausgabe, 2001; https://tik.ink/spelling_alphabet